Zu Beginn meiner Laufbahn als Lektorin für Kinderbücher sendete mir eine Autorin ihr Manuskript zu, das ich kurz anlas und dann die Zusammenarbeit ablehnte. Dafür gab es mehrere Gründe. Einer davon war:
Bei der Geschichte handelte es sich gar nicht um ein Kinderbuch. 🤔
Sondern um einen Fantasyroman für Erwachsene – eventuell für junge Erwachsene – aber definitiv nicht mit einer kindlichen Leserschaft im Hinterkopf verfasst.
Handlung und Sprache waren viel zu komplex. Die Figuren und Inhalte für Kinder völlig uninteressant. Hier hatte sich offenbar jemand nicht wirklich mit seiner Zielgruppe auseinandergesetzt.
Dabei ist es so wichtig, dass man sich beim Schreiben für Kinder über die Verantwortung von Kinderbuchautoren im Klaren ist. Dass man weiß, dass Kinder anders lesen, verstehen und verarbeiten als Erwachsene.
Und dass man Kinderbücher nicht als kreative Spielwiese nutzt, um sich auszuprobieren. Sondern als Safe Space, wo Kinder ungestört lernen, wachsen und sie selbst sein dürfen – und sich dabei auf Dich als Autorin oder Autor des Werkes verlassen können.
Wie unterscheiden sich Kinder und Erwachsene als Leser und Leserinnen?
Kinder sind naturgemäß sehr neugierig und dankbar für alles Wissenswerte, dass sie beim Lesen aufsaugen können. Dabei sind sie sehr viel unvoreingenommener und offener für Neues als erwachsene Leser. (Die ja gern mal glauben, alles schon zu wissen und gesehen zu haben. 😉)
Das macht es Dir als Kinderbuchautorin sehr viel einfacher, Kinder ins Staunen zu versetzen, als es unter Umständen bei einem erwachsenen Lesepublikum der Fall wäre.
Gleichzeitig sind Kinder aber auch noch sehr unkritisch beim Lesen. Erst recht in einem noch sehr jungen Lesealter. Erwachsene – und das gilt auch für Kinderbuchautoren – haben Vorbildfunktion.
Was Du Kindern also in Geschichten und Büchern zeigst, hat für Kinder Hand und Fuß – und wird eher nicht infrage gestellt. Das gilt für kluge Lösungswege genauso wie für Rechtschreibfehler.
Womit Du Kinder also zum Staunen bringst, solltest Du Dir genau überlegen.
Fragwürdige Denkweisen, ein verklärtes Weltbild oder gar Falschinformationen im Kinderbuch sind unfair und verantwortungslos.
Auch mit veralteten Methoden wie dem berühmten erhobenen Zeigefinger, der „Moral von der Geschicht‘“ und einer Erzählweise „von oben herab“ wirst Du bei Kindern heute nicht mehr viel bewirken können. Allein schon deshalb, weil Eltern heutzutage solche Kinderbücher erst gar nicht an ihre Kinder heranlassen.
Stattdessen ist es heute wichtig, Kindern in Geschichten auf Augenhöhe zu begegnen. Ihre Lebenswelt, ihre Interessen und Wünsche zu verstehen. Ihr Lernen und ihre Entwicklung ernst zu nehmen und zu fördern. Und eine Sprache zu sprechen, die Kinder verstehen.
Mach Dir dabei unbedingt bewusst, dass Kinder zum einen noch Leseanfänger sind und sprachlich noch nicht so entwickelt wie die meisten erwachsenen Leser. Und zum anderen, dass sie einen noch sehr vereinfachten Blick auf die Welt haben und damit ein noch unausgereiftes Verständnis für Zusammenhänge.
Worauf Du beim Schreiben von verantwortungsvollen Kinderbüchern also achten solltest
Was Kinder in Kinderbüchern brauchen, damit sie mit Deiner Geschichte wirklich mitfiebern, sich verstanden fühlen und daraus lernen können:
Klare Handlungen – Widersprüchliches nicht so stehen lassen
Die Handlung Deiner Kindergeschichte sollte nicht nur logisch sein, sondern für Kinder nachvollziehbar. Das bedeutet: Auf einem für Kinder verständlichen Niveau. Berücksichtigend, dass Kinder (je nach Alter) Zusammenhänge noch nicht so klar verstehen können wie Erwachsene.
Das gilt vor allem für Situationen und Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick eher widersprüchlich wirken. Freudentränen, Glück im Unglück, Handeln aus Eifersucht oder schlechtem Gewissen – manches ergibt für Kinder unter Umständen zunächst keinen Sinn. Weshalb es im Kinderbuch wichtig ist, einen näheren Blick darauf zu werfen.
Lass diese Widersprüche nicht einfach stehen nach dem Motto:
❌ Die Kinder werden es schon verstehen.
Das könnte vor allem bei jüngeren Kindern dazu führen, dass sie Deine Geschichte völlig falsch verstehen und werten.
Zeige Deinen Lesern stattdessen deutlich:
✅ Dass die Figur sich freut, obwohl sie gerade Tränen vergießt.
✅ Dass sie eine andere Figur eigentlich gernhat, obwohl sie aus Eifersucht deren Schulaufsatz vernichtet.
✅ Und dass die Schokolade, die sie ihr nachher aus schlechtem Gewissen schenkt, ihr Fehlverhalten nicht ungeschehen macht.
Lebensnahe und nachvollziehbare Figuren
Helden sind nicht perfekt. Nicht alle Jungs spielen Fußball. Nicht alle Mädchen sind gut in der Schule. Und nicht in jedem Dorf gibt es einen bösartigen Rüpel, der allen anderen Kindern nur Schlechtes will.
Ich glaube, Du verstehst, worauf ich hinauswill …
Bitte, bitte, bitte! 🙏 Schau Dir die Lebenswelt von Kindern an, bevor Du darüber schreibst. Das macht so viel aus.
Kinder werden sich in Geschichten nur dann wiederfinden, wenn die Figuren für sie glaubhaft und wirklichkeitsnah sind. Alles andere ist Schubladendenken und bringt Kinder nicht weiter!
Relevante Themen & Inhalte – für Kinder von heute
Ja, ich habe mit meinen Kindern auch gern Bullerbü-Geschichten gelesen und in Erinnerungen geschwelgt. Auch meine Kinder haben die Geschichten geliebt aus einer Zeit, als vieles noch anders war.
Wer aber heute Kinderbücher schreibt, die in der Gegenwart handeln, sollte dies mit Bezug zur heutigen Kinderwelt tun. Und da gibt es nun mal technische und gesellschaftliche Entwicklungen, die den Bullerbü-Kindern noch fremd waren. Wie Smartphones, Videospiele, Social Media und digitales Lernen.
Nicht, dass Du diese Themen nun unbedingt als Hauptthemen für Deine Kinderbücher angehen solltest. Das ist Dir überlassen.
Eher geht es darum, dass Du diese Entwicklungen nicht ignorierst und berücksichtigst, was Kinder von heute bewegt und interessiert, damit sie einen Bezug zu Deiner Erzählung aufbauen können.
Lernen fürs Leben funktioniert dabei übrigens nicht nur durch Geschichten aus der Gegenwart und aus der echten Welt. Auch High-Fantasy-Kinderromane mit erdachten Welten und fantastischen Figuren können einen starken Bezug zum echten Leben haben und Kinder zum Nachdenken und Reflektieren bewegen.
(Lies dazu unbedingt mehr in diesem Artikel.)
Eindeutige Sprache – erzähl es nicht „durch die Blume“
Drück Dich klar und deutlich aus in Deinem Kinderbuch ohne versteckte Andeutungen und Augenzwinkern oder angeberische Expertensprache.
Vor allem jüngeren Kindern fällt es noch schwer zwischen den Zeilen zu lesen. Aber auch ältere Kinder lieben es, wenn Dinge klar und deutlich ausgesprochen werden.
Wenn Du für Kinder schreibst, ist eine eindeutige und unkomplizierte Sprache unerlässlich. So vermeidest Du Missverständnisse und sorgst dafür, dass Deine Leserschaft Deine Geschichten so versteht wie Du sie meinst.
Schwierige Wörter, längere Sätze, komplexe Sprache: Je nach Lesealter darfst Du Kindern natürlich auch kleinere sprachliche Herausforderungen zutrauen.
Denn auch das ist Teil des Lernens. Und hilft Kindern auf dem Weg zu einem sicheren Umgang mit Sprache und Texten.
Setze Dich dafür unbedingt mit der jeweiligen Altersgruppe auseinander, für die Du schreibst. Damit Du Kinder je nach Lesealter entsprechend erreichen kannst.
Altersgerechtes Schreiben – Konzentriere Dich auf Deine Zielgruppe
Die Altersempfehlung für Dein Kinderbuch sehr eng zu stecken, ist nicht nur für Eltern, Buchhandlungen und Online-Plattformen interessant. Es hilft auch Dir beim Schreiben.
Indem Du Dich auf eine bestimmte Altersgruppe an Kindern festlegst, kannst Du Dich sprachlich und inhaltlich voll und ganz auf diese Zielgruppe einlassen.
Dreijährige haben ein anderes Verständnis für inhaltliche und sprachliche Zusammenhänge als Achtjährige. Sie wollen gefordert, aber nicht überfordert werden. Ebenso wie ältere Kinder sich mit Deinem Kinderbuch nicht langweilen wollen.
Keine Angst! Damit schließt Du niemanden aus. Du hilfst Deiner Zielgruppe nur, sich zu orientieren und verstanden zu fühlen. Und Dir selbst, Dich klar auf bestimmte Inhalte & Sprache zu fokussieren.
Wer sich außerhalb dieser Zielgruppe trotzdem von Deinem Kinderbuch angesprochen fühlt, wird sich von dieser Empfehlung eh nicht abhalten lassen.
Glaube mir! Ich habe schon Achtjährige mit riesengroßen Bilderbüchern unterm Arm aus Bibliotheken rauskommen sehen. Und meinen Kindern habe ich auch als sie 5 waren, schon Bücher ab 10 vorgelesen.
Fazit: Wer Kinderbücher schreibt, entscheidet sich für Verantwortung
Kinder sind heute sehr viel klüger und weiter als wir es damals waren. Das wurde sogar wissenschaftlich bestätigt.
Trotzdem dürfen wir in Kinderbüchern nicht vergessen, dass Kinder trotz aller Klugheit, eben noch mitten in ihrer kognitiven und persönlichen Entwicklung stecken. Um diese Entwicklung bestmöglich zu unterstützen, brauchen Kinder wertvolle Leseinhalte und Kinderbuchautorinnen und -autoren, die bereit sind, sich sprachlich und inhaltlich auf ihre junge Leserschaft einzulassen.
Wer Kinderbücher schreibt, sollte dies nicht auf die leichte Schulter nehmen. Nach dem Motto: Kinder nehmen das alles eh nicht so genau. 😖
Denn auf den ersten Blick nehmen sie es vielleicht wirklich nicht so genau. Auf den zweiten Blick aber wirkt Deine Geschichte tief und hinterlässt Spuren. Solche oder solche.
Unklare Sprache, unpassende Inhalte, unglaubwürdige Figuren – wer sein Kinderbuch nicht gut durchdenkt, kann Kinder schnell verwirren. Das führt unter Umständen zu Lesefrust, Missverständnissen und falschen Schlussfolgerungen.
Und dazu, dass die Wirkung Deines Werkes ihr Ziel verfehlt und der kindlichen Entwicklung eher im Weg steht als sie zu fördern.
Mit einem gut durchdachten Kinderbuch kannst Du bei Kindern viel bewegen.
Mit einem nachlässigen und schlecht gearbeiteten Text dagegen viel kaputtmachen.
Qualität in Kinderbüchern ist eine Grundvoraussetzung! Weil Dir Lernen und Persönlichkeitsentwicklung Deiner jungen Leser am Herzen liegen sollte.
Schreib mich gern an, wenn Du gern mit mir zusammen an Deinem Kinderbuch arbeiten möchtest. Im Lektorat helfe ich Dir, die Qualität Deines Kinderbuchtextes sicherzustellen für faire und verantwortungsbewusste Kinderbücher von heute.
Photo by Josh Applegate on Unsplash







